Im Oktober 1997 wurde in Karlsruhe mit der "Multimediale 5" das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) eröffnet, das nach langen Jahren des Aufbaus und der Improvisation sein Domizil in einem riesigen, denkmalgeschützten Hallenbau mit 17.000 qm Nutzfläche bezogen hat. Der atmosphärisch dichte Industriebau, in dem früher Kriegsmunition und Haushaltsgeräte produziert worden waren, ist geschickt für die gewandelte Nutzung umgebaut worden, wobei die Ergänzungen respektvollen Abstand zur alten Bausubstanz wahren. Ein Studioturm, der höchsten technischen Anforderungen genügt, wurde als Neubau vor den Hallenkomplex gesetzt. Das Medientheater wurde als "Black Box" innerhalb einer der zehn Lichthöfe installiert und war während der Multimediale bereits Veranstaltungsort für zahlreiche Podiumsdiskussionen und Uraufführungen.
Der Gründungsrektor
des ZKM, Heinrich Klotz, titulierte das neue Medienzentrum bei der Eröffnung
selbstbewußt und in wissentlicher Anmaßung als "digitales
Bauhaus". Der Brückenschlag vom "historischen" Bauhaus
in Weimar und Dessau, das voller Kraft und Euphorie daran gearbeitet
hatte, die Künste allumfassend mit der Industrietechnologie zu
vereinen, zum heutigen multimedial vernetzten Medienzentrum, gelingt
jedoch nicht bruchlos. Die Kommunikationstechnologie determiniert die
heutige gesellschaftliche Realität und die Arbeitswelt bereits in
einem solchen Ausmaß, daß die "Medienkunst" zumeist
- wenn auch in subversiver oder innovativer Verwendung der
Medientechnologie - eher reflexiv auf soziokulturelle Phänomene
reagiert, als ihrerseits auf den praktischen Nutzwert und Ruckfluß
des kreativen künstlerischen Potentials ins Wirtschaftsleben
abzuheben. Dennoch wurde die Ansiedlung des ZKM in Karlsruhe von
kommunalpolitischer Seite mitgetragen, um die "Technologieregion
Karlsruhe" zu fördern und durch die Zusammenarbeit mit der
Technischen Universität und dem (Kern-) Forschungszentrum einen
Innovationsschub und größere wirtschaftliche Attraktivität
zu erzielen. Die Kosten der Aufbauphase betrugen für die Stadt
Karlsruhe etwa 160 mio DM. Die jährlichen Betriebskosten werden bei
etwa 16 mio DM liegen, die zu 50 % vom Bundesland Baden-Württemberg
getragen werden.
Seit 1989 sind in den Instituten des ZKM zahlreiche Werke produziert worden, von denen einige sich heute im Besitz des ZKM befinden. Nach fast zehn Jahren Ankaufstätigkeit sind nun etwa 200 Werke des Museums für Neue Kunst in einer Auswahlpräsentation zu sehen. Das Medienmuseum präsentiert etwa vierzig mediale Werke, die zum Großteil in den 90er Jahren entstanden. Auf den seit 1989 im zweijährigen Turnus vom ZKM ausgerichteten "Multimedialen" waren Sammlungsbestandteile z.T. bereits als Vorboten des "museum in progress" gezeigt worden. Die "Multimediale 5" anläßlich der ZKM- Eröffnung umfaßte neben Aufführungen, Diskussionen und Künstlergesprächen im Nachtcafé die Sonderschau "Current" mit aktuellen ZKM-Produktionen. Unter ihnen beeindruckte vor allem Simon Pennys interaktives Environment "Fugitive" (1997) und das im jährlichen Turnus herausgegebene CD-ROMagazin interaktiver Kunst, "artintact", von dem nun vier Ausgaben vorliegen. Die aufwendige, wegweisende Koproduktion "Configuring the Cave" von Jeffrey Shaw, Agnes Hegedüs, Leslie Stuck und ihrem Programmierer Bernd Lintermann gehörte ebenfalls zu den "Current"-Exponaten. Sie wurde in der CAVE des Fraunhoferinstituts in Stuttgart realisiert, das über einen Shuttle- Dienst zu erreichen war.
Generell setzt sich das ZKM
aus drei Nutzungsbereichen zusammen. Am Institut für Bildmedien, das
vom australischen Medienkünstler Jeffrey Shaw geleitet wird, und dem
Institut für Musik und Akustik, dem der deutsche Musikwissenschaftler
Johannes Goebel vorsteht, können KünstlerInnen innovative
Projekte auf höchstem technischem Niveau realisieren. Die
Produktionen können durch Projektstipendien vom ZKM unterstützt
werden. Bereits seit der Aufbauphase des Medienzentrums waren
kontinuierlich GastkünstlerInnen in Karlsruhe tätig. Jeffrey
Shaw hat darauf hingewiesen, daß - von den realisierten Projekten
einmal abgesehen - zudem ein befruchtender Austausch zwischen Gastkünstlern
und den Studenten der angegliederten Hochschule für Gestaltung (HfG)
beabsichtigt ist.(1) Einem interessierten Publikum stehen ferner eine
Bibliothek zur Kunst des 20. Jahrhunderts mit 20 000 Einheiten sowie eine
Mediathek mit einer umfassenden Sammlung von Musik-, Video- und
Filmdokumenten zur Verfügung. Diese können individuell an
speziellen Hör- und Sehplätzen abgerufen werden. Die
Audiosammlung umfaßt gegenwärtig etwa 12 000 Titel, vor allem
elektroakustischer Musik, während zur Geschichte der Videokunst
gegenwärtig 500 Einzeltitel mit einer Laufzeit von 120 Stunden
vorliegen.
Unter dem Dach des ZKM sind in enger Nachbarschaft zwei Museen vereint, das von Heinrich Klotz geleitete Museum für Neue Kunst und das Medienmuseum unter Leitung von Hans-Peter Schwarz. Das Museum für Neue Kunst umfaßt zeitgenössische Kunst von etwa 1970 bis heute, wobei bewußt die traditionellen, nicht "animierten" Bildgattungen Malerei, Zeichnung, Skulptur und künstlerische Fotografie einbezogen wurden, um die Fundamente und die Medienvielfalt heutigen künstlerischen Schaffens zu verdeutlichen. Es bietet, z. T. mit Rekonstruktionen, etwa Andor Weiningers elektromechanischer Bauhausbühne von 1926, einer heute schon fast antiquiert wirkenden Galerie von computergenerierten Hologrammen Dieter Jungs von 1987/89 (!) und Klassikern früher Videoskulptur, etwa von Nam June Paik und Shigeko Kubota, Traditionslinien zur inhaltlichen und technischen Fortentwicklung der Medienkünste an. Bei den dort versammelten Exponaten handelt es sich, gemaß der Begriffsscheidung Söke Dinklas, in erster Linie um objekthafte Medieninstallationen im Gegensatz zu raumumschließenden Environments.(2) Die BetrachterInnen können bei einigen Werken des Museums für Neue Kunst allenfalls über ihre physische Präsenz reaktive Mechanismen der Kunstwerke auslösen. Sie finden aber noch keine Angebote für eigengestalterische Interventionen vor, um die sich das Medienmuseum aktiv bemüht. Die Übergänge zum "interaktiveren" Medienmuseum sind in Exponaten wie Präsentation gleichwohl fließend, zumal hier die Traditionslinien eines massiven Medien "bombardements" reflektiert werden. Das schließt bild- und symbolträchtige Arbeiten ein, die auch auf die deutsche Geschichte rekurrieren. Ein Werk benutzt als quasi skulpturalen Rahmen einen Flak-Scheinwerfer als "Bildgeber", mit dem im Dritten Reich Albert Speers "Lichtdom" in den Himmel projiziert wurde. Im Medienmuseum wurden von KunstlerInnen Werke eigens für das ZKM geschaffen, deren interaktive Benutzerstrukturen und sogar inhaltlichen Themenkomplexe im Dialog mit Hans-Peter Schwarz entwickelt wurden. Ferner bietet eine Präsentation mit didaktischen und technikhistorischen Elementen auch einen Rückblick auf eine Generation von Video- und Computerspielen an. Sie ist nicht unumstritten, zumal auch das gewaltverherrlichende Programm "DOOM" mit aufgenommen wurde(3).
Die Sammlungen des ZKM beinhalten in beachtlichem Umfang Werke von Künstlerinnen, wenngleich die Anteile in den verschiedenen künstlerischen Sparten sehr ungleich verteilt sind. In den traditionellen Sparten Malerei und Skulptur und sogar der Fotografie sind nur vereinzelt weibliche Positionen vertreten. Bei einer Sammlungspolitik, die sich im Kern auf zeitgenössische deutsche Kunst konzentriert und sie durch ausgewählte internationale Werke ergänzt, sind empfindliche Lücken vorzufinden. Gerade in Malerei und Fotografie sind oft keine Spitzenwerke oder aber kleinere Formate angekauft worden, so daß Künstlerinnen in diesen Gattungen nur marginal vorzukommen scheinen, was nicht den Tatsachen entspricht. Lediglich ein installatives Werk Rosemarie Trockels, "A Lady at her Toilet" (1991), wurde vom ZKM erworben. Um weitere Arbeiten Trockels oder etwa Cindy Shermans zu sehen, können die Besucher jedoch die benachbarte Städtische Galerie aufsuchen, die im südlichsten der zehn Lichthöfe im Hallenbau beheimatet ist. Sie verfügt mit der Kölner Sammlung Garnatz über eine seit den 70er Jahren gewachsene, Kollektion zeitgenössischer Malerei und Fotografie, die bedeutende Werkkomplexe von Trockel, Katharina Fritsch und insbesondere Marlene Dumas beinhaltet (4).
Bei den medialen Installationen ändert sich dies grundlegend, z.B. ist die Belgierin Marie-Jo Lafontaine mit mehreren großen Videoskulpturen präsent, einzelne Arbeiten von Ulrike Rosenbach, Maureen Connor, Franziska Megert und der bereits genannten Shigeko Kubota wurden angekauft. Im Medienmuseum nehmen künstlerische Positionen von Frauen mit Werkgruppen der Australierin Jill Scott, die seit Jahren am ZKM künstlerisch tatig ist, der ZKM-Gastkünstlerin Agnes Hegedüs und der Amerikanerin Lynn Hershman eine ungleich prominentere Stellung ein (5).
Die häufig gestellte Frage nach prozentualen Anteilen oder einer Frauenquote ist freilich nicht Thema dieses Beitrags(6). Im folgenden werde ich vielmehr einige wichtige künstlerische Positionen von Künstlerinnen vorstellen, die am ZKM Werke produziert haben oder in den Sammlungen vertreten sind. Hierbei sollen die meisten Gattungen zumindest schlaglichtartig berührt werden und auch das Problem der interaktiven Qualitäten innerhalb und außerhalb medialer Kunstwerke angesprochen werden.
Anlaßlich der Eröffnung des ZKM wurden zwei Auftragswerke für großes Lautsprecherensemble der Karlsruher Komponistin und Medienkünstlerin Sabine Schäfer (Jg. 1957) uraufgeführt, "Sonic Opening" und "Topophonie Nr. 4". Schäfer produziert seit mehreren Jahren Raumklang-lnstallationen für mehrgliedrige Lautsprecher- Konfigurationen. Es handelt sich dabei nicht um das Abspielen von Tonkonserven als "Playback" einer im Studio produzierten Aufnahme, sondern um inszenierte, live erlebbare Raumklangenvironments. Der Informatiker Sukandar Kartadinata entwickelte für Sabine Schäfer im Rahmen des gemeinsamen Entwicklungsvorhabens der "TopoPhonien" eine Software, mit der die Komponistin ohne komplizierte Berechnungen differenzierte Raumklangbewegungen programmieren kann (7). Per Computersteuerung können so Klangerzeugungsdaten exakt mit den Klangbewegungen synchronisiert werden. Nach den vorausberechneten Klangbewegungen werden die Klänge im Raum real dreidimensional bewegt. Das hierzu erforderliche Mischpult, der "Topoph 24", wurde in Kooperation der Technischen Universität Karlsruhe und dem ZKM von Sukandar Kartadinata entwickelt und gebaut (8).

Sabine Schäfer hat nach einem klassischen Kompositionsstudium bei Wolfgang Rihm 1984-1991 in der Musikformation "Panta Rhei", die sie mit dem Karlsruher Musiker Helmut Bieler-Wendt begründete, Erfahrungen im Bereich von Liveperformances gesammelt. Seit 1991 komponiert sie für 3 D-Klanginstallationen und hat vor allem in der Anfangszeit von ihrer engen Kooperation mit dem ZKM-lnstitut für Bildmedien profitiert, wo z.B. Hens Breet Lichtinszenierungen und -objekte für Schäfers Raumklangkompositionen entwickelte. Im Badischen Kunstverein Karlsruhe wurden 1992 ihre "TopoPhonicZones", "sound warp", "lines between" und "LOST" uraufgeführt. Hens Breet entwarf dazu die Objektinstallation "The Fruits of Columbus", Werner Cee realisierte zwei weitere Lichtobjekte, so daß im Zusammenspiel mit Schäfers Raumklangkompositionen ein synergetisches, ganzheitliches Ereignis erzielt wurde (9).
In ihren begehbaren Raumklangenvironments bezieht sich Sabine Schäfer auf die architektonischen Gegebenheiten am Aufführungsort. Im Langhaus der spätgotischen Heiliggeistkirche in Heidelberg realisierte sie 1993 das Werk "The Spiritual Location of Sound", das den BesucherInnen beim Durchschreiten der Hallenkirche multiperspektivische Höreindrucke vermittelt(10).
1994-95 entwickelte Sabine Schäfer ihre Komposition "Tableau 1-111" für ein skulpturales "Hörbild". Elf Lautsprecher sind in Form eines Unendlichkeitszeichens (eine liegende 8) in eine frei im Raum stehende Klangwand eingelassen, so daß ihre Klangfarbenkompositionen Bewegungen in der Fläche vollführen können (11). Die Komponistin arbeitet auf dem Gebiet der digitalen Klangkunst mit Natur- und Umweltgeräuschen sowie mit Klängen der menschlichen Stimme und Instrumentalklangfarben, die gesampelt werden. Sie generiert auch völlig neue Klangfarben, die sie auf mikrotonalen Skalen anordnet. Sabine Schäfer verfugt heute über ein eigenes Ton- und Produktionsstudio, aber ihre ersten Raumklang Produktionen konnte sie nicht zuletzt aufgrund der technischen Unterstützung des ZKM realisieren (12).
Michaela Kölmel (Jg. 1956) studierte an der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe bei Hiromi Akiyama. Sie konzentrierte sich bald auf dreidimensionale Arbeiten, wobei sie die Relation von Außen- und Innenraum besonders interessiert. Indem sie Objekte in den Raum setzt, verändert sich der Raum auf charakteristische Weise. Hierbei müssen die BetrachterInnen einen aktiven Part übernehmen. Die statische Natur ihrer ortsbezogenen Installationen ist an das bewegte Element einer transitorischen Wahrnehmung gekoppelt, ebenso wie die Lichtverhaltnisse von Tages- und Kunstlicht das Erscheinungsbild der Werke mitgestalten. Auf der "MultiMediale 2" des ZKM, die 1991 auf dem Gelände einer aufgegebenen Opel-Werkstatt ausgerichtet wurde, realisierte sie gemeinsam mit Karlheinz Bux eine Rauminstallation in den ehemaligen Auto-Waschstanden (l3). Sie perforierten eine Doppelwand mit nutenähnlichen Einschnitten, die gegeneinander versetzt waren, so daß durch die Schlitze nur dann Tageslicht wahrgenommen werden konnte, wenn in der Betrachterperspektive die Einkerbungen der zwei Raumschalen deckungsgleich waren. Beim Abschreiten der eingenuteten Wand blitzten die Lichtstrahlen analog zur menschlichen Bewegung und Position im Raum durch die "Sehschlitze". Weitere räumliche Interventionen nahmen Michaela Kölmel und Karlheinz Bux mit Metallrohren aus Aluminium und Kupfer vor, die "Sehschneisen" in angrenzende Räume eröffneten, die paradoxerweise aber oftmals flächige, bildhafte Ansichten hervorbrachten. Objekthafte Arbeiten mit Kupferrohren und hochglanzpolierten Edelstahlplatten sind - auch als ortsbezogene Installationen - für Michaela Kölmel charakteristisch. Das ZKM kaufte ihr "Wandstück" (1994) an, das die Künstlerin ursprünglich für die Orgelfabrik in Karlsruhe- Durlach konzipiert hatte. In dem Ausstellungsraum einer ehemaligen Orgelfabrik füllte sie eine Wandöffnung der Haupthalle mit etwa 2500 Kupferrohren bündig aus, so daß eine Binnenstruktur ähnlich einer großen Bienenwabe entstand (14). Je nach Standpunkt der BetrachterInnen diesseits oder jenseits einer Lichtquelle verändert sich das Erscheinungsbild auf vielfältige Weise. Nah- und Fernsicht, direkte Einblicke oder flache, schräge Perspektiven lassen die Kupferrohre entweder dumpf orange glühen, in gleißenden Ringen aufleuchten oder aber scheinbar flächige, konzentrische Kreise ausbilden, wobei die licht- und objektgebundenen Farben im Umfeld des Werks die Seheindrücke entscheidend mitbestimmen.
Für die Präsentation im Foyer des ZKM wurde um Michaela Kölmels "Wandstück" ein rahmenartiger Wandmantel gebaut, so daß die Kupferrohre wiederum bündig in einer Fassung sitzen. Leider war es nicht möglich, das Werk in einen architektonischen Zusammenhang der Eingangssituation einzupassen, den das Architekturbüro Schweger & Partner für den Eingang zur Lorenzstraße hin konzipiert hatte (l5). Nun steht die Arbeit als isolierter Körper im rechten Winkel zum Entree. Die BesucherInnen nehmen es beim Eintreten in das Foyer in transitorischer Bewegung wahr. Das veränderliche Erscheinungsbild der Rohrwand, die Geschlossenheit und Offenheit zugleich signalisiert, weckt Neugierde die auf die potentiellen Seherlebnisse, die das "Wandstück" - wie oben beschrieben - bereithält. Das doppelte Faszinosum eines dynamisierten Sehens, das sich anhand eines im Kunstkontext ästhetisch "unbesetzten" Industrieprodukts vollzieht, weist auf das interaktive Potential hin, das, die Aktivierung der BetrachterInnen vorausgesetzt, auch statischen, skulpturalen Werken zu eigen sein kann.
Margret Eicher (Jg. 1955) studierte an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei Schwegler und Sackenheim. In den 80er Jahren realisierte sie gemeinsame Projekte und Performances mit Fritz Eicher (Eicher & Eicher). Seit 1991 ist sie in Ladenburg bei Heidelberg tätig. Seit etwa 1985 arbeitet sie mit dem Medium der Fotokopie an sogenannten Copy-Collagen, welche die Künstlerin bis heute bewußt ausschließlich rein manuell herstellt. Ihre aus zahlreichen Einzelpartikeln zusammengefügten Werke sind vom technischen Gesichtspunkt her im Computerzeitalter mittlerweile ein Anachronismus. Per Desktop-Publishing ließe sich die Vervielfältigung und Anordnung kopierter Bildvorlagen viel perfekter, glatter und schneller durchführen. Margret Eicher hält aber bewußt an Schere und Klebstoff als antiquierten Arbeitsmitteln fest. Die Künstlerin möchte die unmittelbare Kontrolle über ihre "Werkzeuge" behalten, schätzt aber zugleich die haptische Qualität der geklebten Bildschichten mit den kleinen Abweichungen und Unregelmäßigkeiten. Das zarte Papierrelief macht die Arbeiten körperhafter und reflektiert die Fragilität und Vergänglichkeit des Mediums.

Margret Eicher verarbeitet in ihren Copy-Collagen unterschiedlichste Vorlagen. In Antiquariaten, aber auch beim Durchblättern von Lifestyle-Magazinen oder Architekturbüchern findet sie ihre Ausgangsmotive. Der Bogen ist vom antiken Mäander über den Körperkult zu Beginn unseres Jahrhunderts bis hin zur heutigen Parfumwerbung mit der Sympathieträgerin Paloma Picasso dabei weit gespannt (l6). Architekturgrundrisse spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die gewählten Vorlagen verfremdet Eicher beim Kopiervorgang niemals. Sie benutzt das Kopiergerät in seiner ursprunglichen Funktion. Durch das vielfache Kopieren - anfangs schwarzweiß, in jüngster Zeit mitunter auch in Farbe - werden die Motive egalitär vergröbert sowie gleichzeitig seriell vermehrt. Eicher ordnet das so gewonnene Bilderkonvolut zu zeichenhaft-repetitiven Mustern an, die vordergrundig einen ornamentalen Charakter annehmen. Paradoxerweise findet jedoch gleichzeitig eine inhaltliche Transformation statt, indem die formalen Strukturen und strengen Gerüste die inhaltliche Ausrichtung des Quellenmaterials quasi umpolen.
Das Medienmuseum des ZKM besitzt Eichers Copy-Collage "Nach Corporate Identity II/2" (1994), der 1992 eine kleinformatige Werkserie gleichen Titels vorausging. Das Werk besetzt ein knapp 9 qm großes Bildfeld, es gehört zu den raren Exponaten der Abteilung, die zweidimensional sind und ohne Multimedia-Technologie auskommen (17). Eicher hinterfragt in ihrer Arbeit jedoch gleichwohl den Zustand der westlichen Industriegesellschaft, indem sie die Konflikte zwischen Individuum und Massengesellschaft, die schon Siegfried Kracauer in seinen Essays zum "Ornament der Masse"(l8) thematisierte, bildhaft gestaltet. Hinzu kommt die Problematik von Körperbildern und Herrschaftsmustern, die auch die ästhetische Verführungskraft faschistischen Machtmißbrauchs einschließt. 1994 hat Margret Eicher ihre Werkserie der "Corporate Identity" auch in die dritte Dimension überführt und begehbare Rauminstallationen geschaffen (l9). Architektonische Insignien der Macht, wie das (auch in Bauten des Dritten Reiches zitierte) antike Mäanderband und der Grundriß eines utopischen Gefängnisentwurfs aus dem 18. Jahrhundert, verzierten eine fragile Papierarchitektur. Von der Decke des Freiburger Kunstvereins herabhängende Papierbahnen bildeten 1994 einen modellhaften Raum im Raum aus. Im Binnengeviert durchflochten sich die Papierbahnen mit scheinbar endlosen Reihen männlicher Akte bei der Körperertüchtigung (20). Die BesucherInnen konnten den ideellen Raum durchschreiten, der widerstreitende Gefühle von Schönheit und Schrecken auslöst. Im Kontext des Medienmuseums bekommt Eichers künstlerische Strategie, ihr Umgang mit einer neuen Art sinnstiftenden und Wertordnungen hinterfragenden Ornaments erstaunliche Virulenz.
Notes
1.Angelika Beckmann, High Tech in Karlsruhe. Das Zentrum für
Kunst und Medientechnologie (ZKM), in: European Photography, Heft 56,
Herbst 1994, S. 6 - 7. Siehe auch Angelika Beckmann, Das Zentrum für
Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe ein Jahr vor seiner Eröffnung,
in: Rundbrief Fotografie, N. F. 12, 4. Quartal 1996, S. 10 - 12.
2. Söke Dinkla, Pioniere Interaktiver Kunst von 1970 bis
heute, Edition ZKM, Ostfildern 1997 (zugleich Phil. Diss. Univ. Hamburg
1995), S. 10-12.
3. Hans-Peter Schwarz, Medien-Kunst-Geschichte. Medienmuseum ZKM.
Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Munchen/New York
1997, S. 51-52.
4. Sammlung Garnatz. Städtische Galerie Karlsruhe (bearb.
Angelika Beckmann), Karlsruhe 1996.
5. Eine Werkübersicht bieten Heinrich Klotz, Kunst der
Gegenwart. Museum für Neue Kunst, München/New York 1997 und
Schwarz 1997 (wie Anm. 3) sowie vom ZKM ausgegebene Werklisten der Eröffnungspräsentation
zur MultiMediale 5.
6. Siehe dazu z. B. Barbara Gross, Frauen im Kunstmarkt, in:
Ausst. Kat. Begreifungskräfte. KünstlerInnen heute, Badischer
Kunstverein Karlsruhe / Ulmer Museum im Stadthaus Ulm 1995-96, S. 24-26.
7. Sabine Schäfer in einem Gespräch mit der Autorin am
22.10.97 in Karlsruhe.
8. Sabine Schäfer, TopoPhonien. Ein künstlerisches
Entwicklungsvorhaben, Karlsruhe 1994, S. 29. Siehe auch das Hörfunk-Porträt
von Rudolf Frisius, Raumklänge/Klangräume - zur elektronischen
Musik von Sabine Schäfer, das am 18.10.94 vom Hessischen Rundfunk, 2.
Programm, gesendet wurde.
9. Schäfer 1 994, S. 34-45.
10. Schäfer 1 994, S. 62-68.
11. Im Rahmen des Projekts "Musik nach Bildern" des
Siemens Kulturprogramms entstanden. Uraufgeführt bei den Berliner
Festwochen 1995.
12. Informationen über Sabine Schäfers
Raumklang-Kunstprojekt "TopoPhonien" können auf ihrer
Homepage im Internet abgerufen werden:
http://www.topophonien.com/.
Ihre Raumklangkunst-Kompositionen gibt es auch als Stereoproduktionen. Sie
können direkt bei Sabine Schäfer bezogen werden,
sabine@topophonien.com
13. Ausst. Kat. Karlheinz Bux/Michaela Kölmel,
Rauminstallation MultiMediale 2, ZKM Karlsruhe, Karlsruhe 1992.
14. Ausst. Kat. Michaela Kölmel, Badischer Kunstverein
Karlsruhe, Karlsruhe 1996, Abbildungen der Installation in der Durlacher
Orgelhalle in situ, S. 45-53.
15. Michaela Kölmel in einem Gespräch mit der Autorin am
23.10.97 in Karlsruhe. 16. Margret Eicher im Gespräch mit der
Autorin am 9.10.97 in Karlsruhe. Siehe z. B.
Eichers raumbezogene Copy-Collagen "Ruhe bitte! (1997) auf Schloß
Pillnitz bei Dresden, Ausst. Kat. Margret Eicher. Ruhe bitte!, Städtische
Galerie für Gegenwartskunst/Staatliche Schlösser und Garten
Dresden, Dresden 1997.
17. Schwarz 1997 (wie Anm. 3), S. 98-99.
18. Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, (Essays
1920-1931), Frankfurt 1977.
19. Ausst. Kat. Margret Eicher. Über den Gebrauch der Muster.
Raumbezogene Copy Collagen, Kunstverein Freiburg/Kunsthalle
Mannheim/Galerie Halskratz, Mannheim 1994.
20. Ebenda, Abb. S. 15-20. Siehe auch Stephan Berg, Ornament und
Herrschaft. Zu Margret Eichers Copy-Collagen, in: Kunstforum
International, Bd. 136/1977, S. 326-335.
Copyright © : Angelika Beckmann,1997
N.Paradoxa : Issue No.6, 1998