Angelika Beckmann
DER KÜNSTLER KANN DAS WERK AUSFÜHREN
Auftrag : Austellungsdrehbuch, Silke Wagner, "Meine Erste Austellung"
Auftraggerber: Silke Wagner, Frankfurt
Finanzierung: keine
Auflage: unbegrenzt, nicht nachgeweisen
B>Literatur: Silke Wagner, Dossier meiner bisherigen Arbeiten, Frankfurt/M. 1998 (unveröffentlicht)
Galerie Meyer Riegger, Karlsruhe, Informationsmaterial, Karlsruhe, ohne Jahr (1998)
Ausstellungskatalog, Lawrence Weiner, Kunstverein St. Gallen,St. Gallen 1995
Ausstellungskatalog, Von den Dingen. Gegenstände in der zeitgenössischen Kunst, Museum zu Allerheiligen, Kunstverein Schaffhausen, Schaffhausen 1996
Danke: Sarah Palmer, Baden-Baden
2. DAS WERK KANN HERGESTELLT WERDEN
Der
Schauplatz ist eine ehemalige Eisenwarenhandlung in der Südweststadt
von Karlsruhe. Die Schaukästen von J. Lechner & Sohn, der das
Geschäft lange betrieb,sind aber seit langem leer. Wo einmal die
Lettern mit Name und Warenangebot des Geschäfts prangten,
akzentuieren heute Farbstreifen - quasi als horizontale Ralleystreifen -
die Gebälkzone. Ob der Urheber, Volker Möllenhoff, in der
Farbwahl auch der Republik von Kiribati eine dezent-stilisierte Referenz
erweisen wollte, ist nicht überliefert. Dieser Farbsockel trägt
den filigranen Balkon, an dessen geschmiedeter Einfassung noch zwei
Wappenvögyel die Initialen JLSO in die Höhe strecken. Mittig
darunter klafft in fast dramatischer Weise der Eingang der dreiflügligen
Ladenfront, die der schnelle Flaneur voreilig für leer und unbelebt
erachten mag.
Beim Eintreten gibt sich das Innere als white cube zu erkennen, wobei die Eingangssituation mit dem tief eingeschnittenen Windfang die kompiexe Durchdringung von Innen- und Außenraum, ja der diaphanen Wandstruktur zum klingen bringt. Hier können sich Silke Wagners 28 Facetten transparenter Kunststoff-Folie auf weißer Wand auf subtile Weise entfalten. Diese räumlichen Veränderungen durch psychophysische Effekte lassen sich wahrnehmen aber nicht betrachten und stehen kontrapunktisch zur Architektur, die so eine Nivellierung ihrer Autorität erfährt.
3.DAS WERK MUSS NICHT AUSGEFÜHRT WERDEN
Ein
Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Der Satz ist ein Modell der
Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken. Tatsächlich geht es beim
Schreiben um ein Transcodieren des Denkens, um ein Übersetzen aus den
zweidimensionalen Flächencodes der Bilder in die eindimensionalen
Zeilencodes, aus den kompakten und verschwommenen Bildercodes in die
distinkten und klaren Schriftcodes, aus Vorstellungen in Begriffe, aus
Szenen in Prozesse, aus Kontexten in Texte. Zuviel unzusammenhängende
Aufzählung, zuviel Nennung beobachtbarer Details. So rückt der
Beobachter in den Vordergrund, wie als sei er stolz, was er alles sieht.
Der Gegenstand muß aber hervortreten, so als spreche er selbst. So,
als würde er "handelnd" in mein Auge treten. Bin ich zu
voreilig im jetzigen Stadium? Will ich zu schnell ein fertiges Bild haben?
Vielleicht muß ich nochmals bei "Null" anfangen. (Ludwig
Wittgenstein/Vilém Flusser/Ulrich Meister)
Copyright © : Angelika Beckmann. February,1999
N.Paradoxa : Issue No. 9, February 1999