Silke Wagner
Facetten einer Austellung in der Galerie Meyer Riegger, Karlsruhe
20 Februar - 23 Marz 1999

ISSN 1462-0426

Angelika Beckmann

DER KÜNSTLER KANN DAS WERK AUSFÜHREN

Auftrag : Austellungsdrehbuch, Silke Wagner, "Meine Erste Austellung"

Auftraggerber: Silke Wagner, Frankfurt

Finanzierung: keine

Auflage: unbegrenzt, nicht nachgeweisen

B>Literatur: Silke Wagner, Dossier meiner bisherigen Arbeiten, Frankfurt/M. 1998 (unveröffentlicht)

Galerie Meyer Riegger, Karlsruhe, Informationsmaterial, Karlsruhe, ohne Jahr (1998)

Ausstellungskatalog, Lawrence Weiner, Kunstverein St. Gallen,St. Gallen 1995

Ausstellungskatalog, Von den Dingen. Gegenstände in der zeitgenössischen Kunst, Museum zu Allerheiligen, Kunstverein Schaffhausen, Schaffhausen 1996

Danke: Sarah Palmer, Baden-Baden

2. DAS WERK KANN HERGESTELLT WERDEN

Der Schauplatz ist eine ehemalige Eisenwarenhandlung in der Südweststadt von Karlsruhe. Die Schaukästen von J. Lechner & Sohn, der das Geschäft lange betrieb,sind aber seit langem leer. Wo einmal die Lettern mit Name und Warenangebot des Geschäfts prangten, akzentuieren heute Farbstreifen - quasi als horizontale Ralleystreifen - die Gebälkzone. Ob der Urheber, Volker Möllenhoff, in der Farbwahl auch der Republik von Kiribati eine dezent-stilisierte Referenz erweisen wollte, ist nicht überliefert. Dieser Farbsockel trägt den filigranen Balkon, an dessen geschmiedeter Einfassung noch zwei Wappenvögyel die Initialen JLSO in die Höhe strecken. Mittig darunter klafft in fast dramatischer Weise der Eingang der dreiflügligen Ladenfront, die der schnelle Flaneur voreilig für leer und unbelebt erachten mag.

Beim Eintreten gibt sich das Innere als white cube zu erkennen, wobei die Eingangssituation mit dem tief eingeschnittenen Windfang die kompiexe Durchdringung von Innen- und Außenraum, ja der diaphanen Wandstruktur zum klingen bringt. Hier können sich Silke Wagners 28 Facetten transparenter Kunststoff-Folie auf weißer Wand auf subtile Weise entfalten. Diese räumlichen Veränderungen durch psychophysische Effekte lassen sich wahrnehmen aber nicht betrachten und stehen kontrapunktisch zur Architektur, die so eine Nivellierung ihrer Autorität erfährt.

3.DAS WERK MUSS NICHT AUSGEFÜHRT WERDEN

{Galerie plan}Ein Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Der Satz ist ein Modell der Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken. Tatsächlich geht es beim Schreiben um ein Transcodieren des Denkens, um ein Übersetzen aus den zweidimensionalen Flächencodes der Bilder in die eindimensionalen Zeilencodes, aus den kompakten und verschwommenen Bildercodes in die distinkten und klaren Schriftcodes, aus Vorstellungen in Begriffe, aus Szenen in Prozesse, aus Kontexten in Texte. Zuviel unzusammenhängende Aufzählung, zuviel Nennung beobachtbarer Details. So rückt der Beobachter in den Vordergrund, wie als sei er stolz, was er alles sieht. Der Gegenstand muß aber hervortreten, so als spreche er selbst. So, als würde er "handelnd" in mein Auge treten. Bin ich zu voreilig im jetzigen Stadium? Will ich zu schnell ein fertiges Bild haben? Vielleicht muß ich nochmals bei "Null" anfangen. (Ludwig Wittgenstein/Vilém Flusser/Ulrich Meister)

Copyright © : Angelika Beckmann. February,1999

N.Paradoxa : Issue No. 9, February 1999